Kirche aus 135 asymmetrisch aufeinandergeschichteten Betonblöcken - Kirche aus 135 asymmetrisch aufeinandergeschichteten Betonblöcken - Wiener Erzbischof Grünwidl bei Jubiläumsgottesdienst: Kirche muss sich verändern, ohne ihre Wurzeln aufzugeben
Wien, 18.10.2026 (KAP) Die Wiener Wotrubakirche aus 135 asymmetrisch aufeinandergeschichteten Betonblöcken - eigentlich Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit auf dem Georgenberg - wurde am 24. Oktober 1976 geweiht. Bis heute stehe die ungewöhnliche Betonkirche für eine Kirche in Bewegung, so der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl am Sonntag beim Gottesdienst zum 50-Jahr-Jubiläum. Der von Bildhauer Fritz Wotruba entworfene und von Margarethe Ottillinger gegen Widerstände ermöglichte Bau erinnere bis heute daran, "dass Bewegung und Bewahrung, Neues und Altes, Reformen und Traditionen zusammengehören", so Grünwidl. Und weiter: "Wer diese Spannung in der Kirche auflösen will und sich nur auf eine Seite schlägt, gibt vieles auf."
Heute würden moderne Kirchenbauten nicht mehr aufregen, meinte der Erzbischof. Emotionen gäbe es vielmehr angesichts einer zahlenmäßig kleiner werdenden Kirche, dass "unsere personellen und finanziellen Ressourcen schrumpfen, dass die Stimme der Kirche nicht mehr gehört und ernst genommen wird wie früher und wir Macht und Einfluss verlieren, dass die Gestalt der flächendeckenden österreichischen Volkskirche sich auflöst, das macht viele mutlos".
Die Wotrubakirche, die den über Jahrhunderte tradierten Glaube der Kirche und die moderne technisierte Welt vereine, sei "der beste Beweis dafür, dass sich die sichtbare und soziale Kirchengestalt sich im Lauf der Jahrhunderte immer wieder verändert". Nicht Macht, Geld und Mehrheit würden die Kirche ausmachen, sondern alle Getauften, "die nicht nur Christen heißen, sondern als Christen leben und glaubwürdig sind".
Auch das Gebäude selbst verstand Grünwidl als Zeichen für die Aufgabe der Kirche: "Dieser Kirchenbau soll Menschen aufrütteln und nachdenklich machen." Die unterschiedlich großen Fenster stünden für Offenheit gegenüber den Freuden, Hoffnungen, Sorgen und Nöten der Menschen und dafür, Licht nach außen zu tragen. Die Kirche dürfe aber nicht zum Museum werden. Gott sei zwar durch das Gebäude gegenwärtig, "aber mehr noch durch uns", konstatierte Grünwidl.
Am 24. Oktober 1976 hat Erzbischof-Koadjutor Franz Jachym die Wotrubakirche geweiht, Kardinal Franz König feierte die erste Heilige Messe am Georgenberg. Das Kirchweihfest war laut Grünwidl ein richtiger "Staatsakt", denn nicht nur Vertreter aus Kirche und Kunst, sondern auch aus Politik, Kultur und Wirtschaft nahmen daran teil. "Wenn dieser Bau ein Kontra der technisierten Welt bietet, dann wäre eigentlich das erreicht, was ich erreichen wollte", zitierte dazu der Erzbischof den Bildhauer Fritz Wotruba über seine Kirche. Kirche und technisierte Welt, der alte, über Jahrhunderte tradierte Glaube der Kirche und die moderne technisierte Welt sollten in diesem Bau aufeinander treffen.
Bau entgegen widerstände
Die Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit auf dem Georgenberg geht wesentlich auf die OMV-Managerin und Beamtin Margarethe Ottillinger (1919 - 1992) zurück, die den Bau initiierte, die Finanzierung sicherstellte und trotz zahlreicher Widerstände an Wotrubas Entwurf und den Plänen des Architekten Fritz Gerhard Mayr festhielt. Die Idee für das Projekt entstand Anfang der 1960er-Jahre; bis zur Fertigstellung vergingen zwölf Jahre. Wotruba, der 1975 starb, erlebte die Weihe nicht mehr.
Ottilingers Motiv war, in einem Europa, in dem der Glaube an Gott schwindet, die Menschen aufzurütteln und zu zeigen, dass "noch immer Kräfte wirksam sind, die dem Geist des Unglaubens widerstehen". Bereits vor der Fertigstellung wurde die heftig diskutierte Kirche zum Ausflugsziel von Neugierigen und Kunstinteressierten. 2018/2019 wurde ein Zubau mit einem barrierefreien Zugang zur Ober- und Unterkirche errichtet.
Die Gemeinde selbst sei im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils entstanden und von Beginn an von dem Anspruch geprägt gewesen, Verantwortung breit zu teilen und "gemeinschaftliches Christsein" zu leben, erklärt Diakon Hubert Kaindl. Kaindl, der seit den Anfängen dabei ist, blickt heuer ebenfalls auf 50 Jahre Engagement in der Gemeinde zurück. Das Selbstverständnis der damals frischen gemeinde sei von gemeinschaftlichem Glaubensleben, persönlicher Verantwortung und dem Zulassen neuer Ideen geprägt gewesen, so der Diakon im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress.
Heute beschäftigt die Gemeinde der Wotrubakirche - eine Rektoratskirche der Pfarrkirche Mauer - insbesondere die Frage, wie jüngere Menschen stärker eingebunden werden können, so Diakon Kaindl. Er sieht die anfängliche Begeisterung als entscheidend für die Zukunft: Es gelte, wieder stärker zu vermitteln, dass Menschen gemeinsam Kirche aufbauen und gestalten können. Wichtig sei zudem jungen Menschen einen Raum zu geben, statt ihnen vorzuschreiben, wie Kirche auszusehen habe.
Sorgen bereitet der Gemeinde aktuell jedoch eine angekündigte Veränderung ihres kirchlichen Status. So soll das bisherige Rektorat umgestaltet werden.