Notfallseelsorger Schwarz: "Um sich zu öffnen, braucht es unbedingt einen sicheren Ort" - Niederschwelliges Gesprächsangebot in der Gesprächsinsel Wien - Gedenkfeiern und Gesprächsangebote zum Welttag der Suizidprävention
Salzburg/Wien, 03.09.2026 (KAP) "Sad stories need a safe place": Traurige Geschichten brauchen einen sicheren Ort. Der Satz beschreibt einen Gedanken, der sowohl in der Suizidprävention als auch in der Begleitung von Angehörigen nach einem Suizid eine zentrale Rolle spielt, betont Detlef Schwarz, Notfallseelsorger in der Erzdiözese Salzburg, im Interview mit Kathpress anlässlich des Welttags der Suizidprävention (10. September).
Für suizidgefährdete Menschen kann ein geschützter Rahmen die Hemmschwelle senken, über ihre oft mit Scham besetzten Gefühle zu sprechen und sie darin bestärken, Hilfe zu suchen. Für Angehörige wiederum braucht es einen "sicheren Ort", an dem sie die oft widersprüchlichen und belastenden Gefühle nach einem Suizid verarbeiten können.
"Diese Familien erleben ein so singuläres Ereignis, das sie tendenziell in die Isolation treibt. Nach dem Motto: Damit will ich nicht nach außen gehen. Niemand versteht das", sagte Schwarz. Viele empfänden Scham, Schuldgefühle, aber auch Wut, von einer nahestehenden Person "verlassen" oder "im Stich gelassen" worden zu sein. "Um sich zu öffnen und auch über diese Gedanken zu sprechen, braucht es also unbedingt einen sicheren Ort", erklärte der Theologe.
Trauerbegleitung
Als Notfallseelsorger übernimmt Schwarz unmittelbar nach einem Suizid die psychosoziale Erstversorgung. "Nach der medizinischen Versorgung schaffen wir für die Angehörigen bei ihnen zu Hause oder anderswo einen sicheren Raum, wo sie erst mal erzählen dürfen, was sie erlebt und gesehen haben." Schuldgefühle, der oder dem Verstorbenen nicht geholfen zu haben, könnten als "Fehleinschätzungen aus der Retrospektive" in der Trauerbegleitung bearbeitet werden. Langfristig gehe es darum, "Menschen zu ermöglichen, wieder in die Selbsthilfe zu kommen und sie zu ermächtigen, wieder in ihren Alltag zu finden".
Auch über die unmittelbare Betreuung hinaus brauchen Hinterbliebene Orte, an denen ihre Trauer und die damit verbundenen Gefühle Raum bekommen. Gedenkveranstaltungen, wie sie Schwarz gestaltet, sollen mit Impulsen oder rituellen Handlungen, etwa dem Entzünden einer Kerze für jede und jeden Verstorbenen, "einen Resonanzraum für die eigene Seele und die vielen komplexen Empfindungen entstehen" lassen. Im vergangenen Jahr wurde in Salzburg die Rose von Jericho an die Hinterbliebenen verteilt - "im Kontext tiefer Trauer ein Zeichen dafür, dass das, was vertrocknet und leblos erscheint, durch Zuwendung wieder zum Leben erweckt werden kann".
Mythen und Tabuthema Suizid
Die Gesellschaft müsse das Thema Suizid endlich enttabuisieren, damit Menschen ermutigt werden, im Akutfall Hilfe zu suchen, fordert Schwarz. Dabei spiele auch das Bekanntmachen von Angeboten von Kliniken oder anderen Suizidpräventionsprogrammen wie der TelefonSeelsorge eine Rolle - auch für Angehörige. Eine Enttabuisierung könne zudem dazu beitragen, verbreitete Mythen über Suizid zu korrigieren und Menschen für mögliche Warnzeichen zu sensibilisieren. Als mögliche Warnzeichen nannte Schwarz etwa sozialen Rückzug, eine zunehmende Distanzierung von Familie und Hobbys, Verhaltensänderungen oder das Verschenken persönlicher Dinge.
Ein verbreiteter Mythos sei, dass man Menschen nicht direkt auf Suizidgedanken ansprechen solle, weil man sie dadurch erst auf die Idee bringen könnte. "Das ist nachweislich falsch, wie die Forschung zeigt", betonte Schwarz. Vielmehr könne die direkte Frage, ob sich jemand mit dem Gedanken befasse, sich das Leben zu nehmen, einen Raum eröffnen, in dem Betroffene erstmals offen darüber sprechen können.
Gesprächsinsel - "Anlaufstelle für seelische Zustände aller Art"
Ein niederschwelliges Gesprächsangebot in Krisensituationen bietet die Gesprächsinsel der Ordensgemeinschaften in Wien. Geschulte Seelsorgerinnen und Seelsorger stehen Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, religiöser Zugehörigkeit oder Weltanschauung zur Seite, wenn diese sich unsicher oder belastet fühlen, vor wichtigen Entscheidungen stehen, einsam sind oder nicht wissen, wie es weitergehen soll, erklärte Verena Osanna, Leiterin der Gesprächsinsel, die engmaschig mit dem Kriseninterventionszentrum (KIZ), der TelefonSeelsorge und der Kontaktstelle Trauer der Caritas in Wien zusammenarbeitet.
"Wir sind in Wien eine Anlaufstelle für seelische Zustände aller Art. Das kann von akuter Krise sein bis hin zu: Ich weiß nicht genau, was mit mir los ist." Gemeinsam werde geklärt, was es in einer belastenden Situation brauche, so Osanna im Interview mit Kathpress. Gerade an Lebensübergängen wie Tod, Krankheit, Scheidung, Pensionierung oder dem Kontaktabbruch zu nahestehenden Menschen stelle sich häufig die Frage: "Welchen Sinn finde ich noch auf dieser Welt?", sagte Osanna. Aktuell kämpften viele Menschen mit existenziell bedrohlichen Schwierigkeiten: Arbeitslosigkeit, reduzierten Arbeitsstunden oder ausbleibenden Gehaltserhöhungen bei stetig steigenden Kosten.
Oft fehle das Gegenüber, um über Dinge zu sprechen, oder "man traut sich nicht, Hilfe zu holen, weil man denkt, so etwas darf ich gar nicht denken". Die Gesprächsinsel biete Raum, solchen Fragen nachzugehen und gemeinsam nach Orientierung zu suchen. Dort arbeiten rund 40 ehrenamtliche, ausgebildete Seelsorgerinnen und Seelsorger - darunter Psychotherapeutinnen, Lebens- und Sozialberater sowie Ordensleute. Die Gesprächsinsel ist in der Wiener Innenstadt an der Freyung 6a zu finden. Seit April 2026 ist sie auch im "Kirchenschiff" (Siebenbrunnenfeldgasse 22-24, 1050 Wien) vertreten, wo seelsorgliche Gespräche auch in mehreren Fremdsprachen angeboten werden. (Info: https://www.gespraechsinsel.at)
(S E R V I C E - Sie sind in einer verzweifelten Lebenssituation und brauchen Hilfe? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und gebührenfrei unter der Notrufnummer 142 erreichbar sowie unter www.telefonseelsorge.at. Hilfsangebote für Personen mit Suizidgedanken und deren Angehörige bietet das Suizidpräventionsportal des Gesundheitsministeriums unter www.suizid-praevention.gv.at.)