70-Jährige begleitet seit Jahrzehnten Strafgefangene, Haftentlassene und Menschen am Rand der Gesellschaft - Bischof Elbs würdigte Einsatz als gelebte christliche Nächstenliebe
Feldkirch, 03.09.2026 (KAP) Die Vorarlberger Sozialarbeiterin Annemarie Sutterlüty ist mit dem Dr.-Toni-und-Rosa-Russ-Preis und -Ring 2026 ausgezeichnet worden. Die 70-jährige Eggerin setzt sich seit Jahrzehnten für Strafgefangene, Haftentlassene, deren Angehörige sowie Menschen aus dem Rotlichtmilieu und andere gesellschaftlich Ausgegrenzte ein. Bei der Verleihung im Bregenzer Festspielhaus am Dienstagabend würdigten rund 450 Gäste ihren Einsatz, darunter auch Bischof Benno Elbs, der es anschließend auf Instagram als "Zentrum der christlichen Nächstenliebe" bezeichnete, Menschen auch in schwierigen Lebenssituationen ihre Würde zu geben. Er dankte Sutterlüty für ihren "großartigen Einsatz für Menschen in schwierigsten Lebenssituationen".
Sutterlütys Engagement begann bereits in jungen Jahren. Über die christliche Initiative "Missio Minorum" nahm sie mit 16 Jahren Briefkontakt zu verurteilten Mördern auf. Später führte sie ihre Ausbildung zur Sozialarbeiterin in die Bewährungshilfe und Gefangenenbetreuung. Gemeinsam mit dem Gerichtspsychiater Reinhard Haller, der auch Laudator der Preisverleihung war, beschäftigte sie sich mit den Ursachen von Straffälligkeit und Sucht. Bis heute besucht sie Gefangene in österreichischen Justizanstalten, begleitet Haftentlassene und unterstützt Angehörige. Nach Angaben der "Vorarlberger Nachrichten" legt sie dafür jährlich rund 50.000 Kilometer zurück.
Idealistische Betreuerin
Haller hob in seiner Laudatio hervor, dass Sutterlütys Arbeit außerhalb des Rampenlichts stattfinde und einem Bereich gelte, der selbst bei professionellen Helfern nicht besonders beliebt sei: der Betreuung von "Schwerverbrechern, Strafgefangenen und Prostituierten". Er zitierte den früheren Russ-Preisträger Albert Lingg mit den Worten: "Von Menschen, die niemand mag." Sutterlüty habe ihren Einsatz nicht für Anerkennung geleistet, sondern aus "Willen zum Guten", Nächstenliebe und - wie sie selbst sage - "für Gottes Lohn". Ihr Antrieb lasse sich in einem Satz zusammenfassen: "Sie wollte das Böse im Menschen kennenlernen, um weiter an das Gute glauben zu können."
Dabei, so Haller, gehe es Sutterlüty nicht um eine Verharmlosung von Schuld oder um eine Täter-Opfer-Umkehr. Vielmehr suche sie den Zugang zum Menschen hinter der Tat. Gerade deshalb habe sie auch Anerkennung bei Justizwachebeamten, Ermittlern, Richtern und Staatsanwälten sowie bei den von ihr betreuten Menschen gefunden. Diese würden sie als eine "Mutter Teresa" bezeichnen. Haller charakterisierte die Preisträgerin als "verrückt idealistisch, verrückt einsatzfreudig, verrückt selbstlos, verrückt empathisch".
Der Dr.-Toni-und-Rosa-Russ-Preis wird seit 1970 vom Herausgeber und den Redakteuren der Vorarlberger Nachrichten sowie VOL.AT an Persönlichkeiten verliehen, die "Verantwortung übernehmen, Initiative zeigen und durch ihr Handeln bleibende Spuren hinterlassen", diesmal zum 57. Mal. EU-Kommissar Magnus Brunner würdigte ebenfalls Sutterlütys "grenzüberschreitendes" Engagement: Sie überschreite die Grenze zwischen der begangenen Tat und dem Menschen dahinter, sagte er, und begegne Straftätern mit Haltung und ehrlicher Zuwendung.
Unter den Gästen im Festspielhaus waren neben Komissiar Brunner und Bischof Elbs auch Abt Vinzenz Wohlwend, Caritas-Direktor Walter Schmolly und weitere Vertreter des kirchlichen und sozialen Lebens, zudem Vorarlbergs Landesräte Barbara Schöbi-Fink und Marco Tittler, WKV-Präsident Karlheinz Kopf, AK-Präsident Bernhard Heinzle sowie mehrere Bürgermeister. Auch frühere Russ-Preisträger - neben Haller auch Hildegard Breiner, Eva Grabherr, Hubert Dragaschnig und Ehrentraud und Willi Hagleitner - gehören der Jury an und nahmen auch an der Feier teil.