Im September 2006 besuchte Papst Benedikt XVI. seine bayerische Heimat - Eine Spurensuche nach dem, was bleibt - Von Barbara Just und Christoph Renzikowski (KNA)
München, 01.09.2026 (KAP/KNA) "Benedikt XVI. 9.9.2006" - so steht es auf dem Sockel der Mariensäule auf dem Münchner Marienplatz. Die Gravur ist kaum zu sehen, so dicht wachsen die Blumen aus den davorstehenden Kästen heraus. Dabei erinnert sie an ein historisches Ereignis: Vor 20 Jahren kniete hier der aus Bayern stammende Papst und betete.
Für den damals 79-Jährigen war es eine emotionale Rückkehr - genau an den Ort, von dem aus er sich 1982 aus seiner Heimat verabschiedet hatte, bevor ihn sein Weg nach Rom führte. Und zwar für immer. Aber das wusste der Kardinal damals nicht. Er trug noch seinen bürgerlichen Namen Joseph Ratzinger und war Erzbischof von München und Freising.
Ein Meer von gelb-weißen Fahnen und "Benedetto"-Rufen begrüßte den Heiligen Vater, als er mit dem Papamobil durch die Innenstadt fuhr. Bei herrlichem Spätsommerwetter jubelten ihm 60.000 Menschen zu, weitere 12.000 warteten im Zentrum auf ihn.
"Wer glaubt, ist nicht allein"
Es war der Auftakt einer sehr persönlichen Pilgerreise unter dem Motto "Wer glaubt, ist nicht allein", die Benedikt XVI. vom 9. bis 14. September 2006 noch einmal zu jenen Orten führen sollte, die für sein Leben prägend waren: München, Altötting, Marktl am Inn, Regensburg und Freising.
Auch im oberbayerischen Marienwallfahrtsort Altötting, in den der kleine Joseph schon mit seiner Familie gepilgert war, gibt es Dinge, die mit seiner Anwesenheit 2006 bis heute verbunden sind. So hinterließ Benedikt XVI. damals der Schwarzen Madonna seinen einstigen Kardinalsring als Geschenk. Zum zehnten Jahrestag seines Besuchs 2016 wurde dann im Beisein seines langjährigen Sekretärs Georg Gänswein an der Fassade des Kongregationssaals eine 2,30 Meter große Statue des Papstes enthüllt. Mit Bischofsstab und Mitra grüßt sie seither zur Gnadenkapelle hin.
Der Schöpfer der Figur, Johann Michael Neustifter, schuf auch die vier Meter hohe und fast eine Tonne schwere bronzene Benediktsäule auf dem Marktplatz von Marktl am Inn. Sie ist in Form einer leicht geöffneten Schriftrolle gehalten. Benedikt XVI. ließ beim Aufenthalt in seinem Geburtsort eigens das Papamobil stoppen, um sich die Stele mit Auszügen aus der Ordensregel des Benedikt von Nursia und seinen eigenen Predigten aus der Nähe anzuschauen.
Geburtshaus in Marktl war noch zu
Noch nicht besichtigen konnte der Papst zu diesem Zeitpunkt sein Geburtshaus, wo er am 16. April 1927 als jüngstes von drei Kindern zur Welt gekommen war. Das Gebäude war gerade erst von einer Privatperson in die Hände einer kirchlichen Stiftung übergegangen und musste renoviert werden. Seit April 2007 ist dort sein Lebensweg und theologisches Vermächtnis für die Öffentlichkeit aufbereitet.
Aktuell ist das Haus bis 4. Oktober jeden Sonntag geöffnet. Am 12. September lädt dessen theologischer Leiter Franz Haringer um 18 Uhr in die Pfarrkirche St. Oswald zum Gottesdienst anlässlich "20 Jahre Papstbesuch in Marktl".
Zeitweise bot der Modellbauer Vollmer das Papstgeburtshaus Bastelfreunden an, im Maßstab von 1:87. Die Firma Preiser schuf passend dazu eine Kunststofffigur, aufwendig von Hand bemalt, rote Schuhe inklusive. Die Figur ist noch erhältlich, beim Bausatz HO 3828 ist der reguläre Vertrieb eingestellt.
"Papstwiese" in Regensburg
Nach den großen Freiluftgottesdiensten auf der Neuen Messe München und dem Altöttinger Kapellplatz war in Regensburg das Islinger Feld für die Messe mit dem Papst ausgewählt worden. Das Areal erhielt bald den Namen "Papstwiese". Zumindest in den Prospekten zum Verkauf stehender Immobilien in Sichtweite hat er sich bis heute erhalten.
Auf einem extra aufgeschütteten Hügel wurde damals ein 16 Meter hohes und 10 Tonnen schweres Kreuz errichtet. Nach dem Event musste es rund 35 Meter nach Norden umziehen. Auf der "Papstwiese" wird längst wieder Landwirtschaft betrieben, saisonal als Beerenwiese mit Selbstpflückfeldern und als Erholungsfläche mit einem Maislabyrinth.
Um den Tausenden von Gläubigen eine möglichst komfortable Anreise zu ermöglichen, wurde damals die A3 über Stunden gesperrt und zum Busparkplatz umfunktioniert. So etwas hatte es zuvor noch nie gegeben. Bayerns damaliger Innenminister Günther Beckstein (CSU) sagt heute, so wurde der Papst gewissermaßen zum Eisbrecher für spätere Demonstrationen auf Autobahnen. Nie zuvor hätten Verwaltungsgerichte die Schnellstraßen für andere Zwecke als den Verkehr freigegeben. Inzwischen sei das anders, auch wenn es sich weiter um Ausnahmen handle.
T-Shirts im Museum
Ins Regensburger Museum der Bayerischen Geschichte hielt Benedikt XVI. ebenfalls Einzug. Dort sind in der "Sammlung der Gegenwart" zwei langärmlige weiße T-Shirts zu sehen, auf denen unter der Überschrift "Der Papst in Regensburg" ein Porträtbild aufgedruckt ist. Zum 100. Geburtstag des bayerischen Papstes plant das Museum 2027 eine Sonderschau.
Was also bleibt von Benedikt? Diese Frage muss auf eine zuverlässige Antwort noch länger warten. Was von Joseph Ratzinger bleibt, lässt sich schon eher sagen, nämlich dies: 25 Kilogramm gewichtiger Lesestoff im Bücherregal. So viel wiegen die bisher 15 Bände der Werkausgabe, an der seit 2008 gearbeitet wird. Sie enthält alles, was der Theologe bis 2005 veröffentlicht hat.
Was noch fehlt? Ein Registerband sowie einiges, was Benedikt XVI. zwischen seinem Rücktritt am 28. Februar 2013 und seinem Tod am letzten Tag des Jahres 2022 publizierte. Denn dass dieser Papst tatsächlich einmal zu Lebzeiten sein Amt aufgeben würde, von diesem historischen Schritt konnte man zuvor nichts wissen. Schon gar nicht im September 2006. Und auch das ist noch ungewiss: Wann "der ganze Ratzinger" in Buchform wirklich fertig sein wird.