"Friedensbriefkästen" in den Pfarren sollen anonyme Hinweise auf Verschwundene erleichtern und Angehörige stärken
Mexiko-Stadt, 31.08.2026 (KAP) Die katholische Kirche in Mexiko verstärkt ihre Unterstützung für die Angehörigen der mehr als 130.000 als vermisst gemeldeten Menschen im Land. Sogenannte "Friedensbriefkästen" ("Buzones de Paz") in Pfarrkirchen sollen es der Bevölkerung erleichtern, anonyme Hinweise zum Verbleib der Verschwundenen zu geben. Das in einigen Pfarren von Mexiko-Stadt erfolgreich erprobte Modell soll in den kommenden Wochen auf alle Diözesen ausgeweitet werden. Die Suche nach Verschwundenen will die Kirche damit zu einer nationalen Angelegenheit machen.
Das Verschwinden von Menschen sei eine "Wunde Mexikos", heißt es in den kirchlichen Stellungnahmen zum Internationalen Tag der Opfer des Verschwindenlassens am 30. August. Hinter der ungeheuren Zahl der Betroffenen stehe jeweils ein Mensch und auch eine Familie, die häufig über Jahre nach einem Angehörigen suche, die sogenannten "Familias buscadoras". - Offiziellen Angaben zufolge sind derzeit 132.843 Menschen in Mexiko als verschwunden oder nicht lokalisiert registriert.
Die Briefkästen sollen überall dort eingerichtet werden, wo sich Verantwortliche für die Initiative finden. Die jeweilige Pfarre stellt dabei einen gesicherten Briefkasten bereit; die Inhalte werden nicht von Priestern oder Gemeindemitarbeitern geöffnet oder überprüft, sondern nach einem festgelegten Verfahren vertraulich gesammelt und weitergeleitet. Auch Gebete, Briefe und Unterstützungsbotschaften für die suchenden Familien können eingeworfen werden.
Sichtbarmachen und Überwinden der Angst
"Vielleicht weiß jemand etwas und hat Angst zu sprechen", erklärte der Weihbischof von Mexiko-Stadt, Francisco Javier Acero Pérez, bei einem Treffen mit Angehörigen von Verschwundenen, deren Begleitung sich die Kirche künftig noch verstärkt widmen und somit zu mehr "Zuhören, Wahrheit, Wiedergutmachung und Fürsorge" im Land beitragen wolle. Die Briefkästen böten einen sicheren und anonymen Weg, solche Informationen weiterzugeben. In mehreren Pfarren, in denen die Initiative erprobt wurde, habe sie bereits "konkrete Ergebnisse" gebracht.
Die Aktion ist Teil des von der katholischen Kirche gestarteten Nationalen Dialogs für den Frieden. Dieser bringt kirchliche und gesellschaftliche Akteure zusammen, um über Gewalt, Sicherheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu beraten. Sie kooperiert auch mit anderen gesellschaftlichen Kampagnen wie "Un Nombre, Mil Voces" ("Ein Name, tausend Stimmen"), mit der die Namen und Geschichten der Verschwundenen sichtbar gemacht werden sollen.
Keine Versöhnung mit Straflosigkeit
Unterstützung erhält die Initiative auch aus dem Vatikan. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin besuchte Anfang August Mexiko und traf die Teilnehmer des Nationalen Dialogs für den Frieden sowie Angehörige. Die Opfer der Gewalt seien vor allem auch die Kinder, die ohne Eltern zurückblieben, Jugendliche, die zwangsrekrutiert würden, und die Familien, die ihre Angehörigen suchten, so der Gesandte des Papstes. Deren Leid gelte es zu sehen, denn erst mit Empathie gegenüber dem Schmerz des anderen könne ein Weg zum Frieden in Mexiko beschritten werden.
Eine Würdigung der suchenden Mütter und verschiedener Bürgerorganisationen sprach die Kirche des Landes in einem Leitartikel auf desdelafe.com aus. Ihr Mut, ihre Beharrlichkeit inmitten des persönlichen Leides ermöglichten immer wieder Fortschritte bei der Suche nach den Angehörigen. Die Kirche wolle Räume schaffen, in denen diese Familien gehört und begleitet würden. Zugleich wurde betont, dass weder Kirche noch Zivilgesellschaft die staatliche Verantwortung für Suche, Ermittlungen und Strafverfolgung ersetzen könnten: "Es kann keine Versöhnung geben, die auf Straflosigkeit aufgebaut ist, und keinen Dialog, der die Wahrheit verbergen will", so das Kirchenportal.