Theologe Halbmayr hielt Abschiedsvorlesung - Neue Dogmatik-Professorin Spies hielt Antrittsvorlesung: Plädoyer für Wiederentdeckung der Apokalyptik
Salzburg, 20.06.2026 (KAP) Generationenwechsel an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg: Franca Spies ist neue Universitätsprofessorin für Dogmatik am Fachbereich Systematische Theologie. Sie folgt auf Prof. Alois Halbmayr, der in den Ruhestand tritt. Sichtbar wurde der Generationenwechsel am Donnerstagabend durch eine gemeinsame Veranstaltung, bei der Spies ihre Antritts- und Halbmayr seine Abschiedsvorlesung hielt.
Spies hielt dabei ein Plädoyer für eine Wiederentdeckung der biblischen Apokalyptik. Anders als es die Renaissance des Begriffs im Zuge der öffentlichen Debatten um Peter Thiel oder Alexander Dugin nahelege, bedeute Apokalyptik nicht zuerst die Vision des nahen Weltuntergangs, sondern "Enthüllung". Enthüllt werde nicht der Untergang, sondern das nahe, entscheidende Eingreifen Gottes, mit dem die Wahrheit über Gott und die Welt offenbar werde, so Spies.
Widerspruch zu Thiel und Dugin
Damit erscheine die Geschichte in einem anderen Licht, insofern sie mit Sinn aufgeladen werde, zugleich werde sie "relativiert", insofern sie im Licht einer kommenden Welt an Gewicht verliere; drittens fordere ein Leben aus dieser apokalyptischen Gestimmtheit heraus eine radikale eigene Lebensform. Spies zeigte dies am Beispiel des Reformators Thomas Müntzer, dessen Wirken in den folgenden Jahrhunderten teils scharf verurteilt, teils jedoch auch verehrt wurde.
Davon deutlich zu unterscheiden sei die Form, in der Apokalyptik aktuell in den politischen Theologien eines Peter Thiel oder Alexander Dugin wiederkehre: "Dieselbe Logik, die Unterdrückten Hoffnung geben kann, vermag auch als Legitimation bestehender Macht zu dienen", so Spies unter Verweis auf die Versuche Thiels und Dugins, durch apokalyptische Rhetorik politische Macht und Unrecht zu stabilisieren.
Am Ende des Vortrags stellte Spies das Plädoyer, die Spannung zwischen der Apokalyptik und der berechtigten theologischen Kritik daran nicht einseitig aufzulösen, sondern auszuhalten: Die Apokalyptik mache Gott zur "ewigen Instanz der Unzufriedenheit" (Gottfried Bachl) und erlaube so "kritischen Widerspruch zur jeweiligen Gegenwart". Diese Möglichkeit wurzele jedoch im Glauben an Gott als Schöpfer und Präsenz in der Welt.
Suche nach Zwischenräumen des Lebens
Zwischenräume des Lebens ("Metaxy") standen im Fokus der Abschiedsvorlesung von Alois Halbmayr. Inspiriert von Olga Tokarczuks Essay "Das Land Metaxy" beschrieb Halbmayr diesen Zwischenraum als Ort, "an dem sich Weltverhältnisse, Erkenntnis und Freiheit überhaupt erst bilden." Diese Zwischenräume hätten zugleich das Potenzial, Gegenbilder zu Fundamentalismus, Dogmatismus und Integralismus zu erzeugen. Glaube leben schließlich nicht von "starren Gewissheiten, sondern von Suche, Vorläufigkeit, Mehrdeutigkeit und Offenheit". Dies gelte auch im Blick auf biblische, dogmengeschichtliche und kirchliche Denkfiguren, in denen es notwendig sei, solche Räume der Freiheit, Hoffnung, der Liebe und Barmherzigkeit zu pflegen.
Auf persönlicher Ebene stand die Dankbarkeit im Mittelpunkt: Halbmayr würdigte Begegnungen, Förderung, Vertrauen und Resilienz als tragende Kräfte seiner akademischen Laufbahn. Auf politischer Ebene plädierte Halbmayr dafür, die Universität als "unverzichtbaren Raum freien Denkens und Diskutierens" zu verstehen und zu verteidigen; in diesem müssten kritisches Denken, Experiment, Ambivalenzen und produktiver Irrtum möglich bleiben. Zugleich benannte der Vortrag Gefährdungen solcher Räume durch Hierarchisierung, Leistungsdruck, Prekarisierung wissenschaftlicher Karrieren und gesellschaftliche Polarisierung.
Das Ende des akademischen Teils markierte eine Überraschung: Alois Halbmayr erhielt von Franz Gmainer-Pranzl und Josef Mautner ein Buch überreicht, das Halbmayrs theologisches Wirken kritisch würdigt; die Publikation "Theologie und Gesellschaft in den Brüchen der Gegenwart" enthält 18 Beiträge von Weggefährtinnen und Kollegen aus dem In- und Ausland; er ist in der Reihe "Salzburger Interdisziplinäre Diskurse" erschienen.
Biografische Notizen
Franca Spies wurde 1990 in Ulm geboren. Sie studierte in Freiburg im Breisgau Katholische Theologie. 2020 promovierte sie in Freiburg mit einer Arbeit zur katholischen Theologie des Judentums im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil. 2023 folgte ihre Habilitation an der Universität Luzern mit dem Titel "Das Materielle in Schöpfung und Inkarnation. Theologische Erkundungen im Dialog mit Karen Barads Agentiellem Realismus".
Die akademischen Stationen führten Franca Spies von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin im Bereich Dogmatik an der Universität Freiburg bis zur wissenschaftlichen Oberassistenz und zur Privatdozentur für Dogmatik und Fundamentaltheologie in Luzern. Franca Spies ist seit Anfang Dezember 2025 neue Universitätsprofessorin für Dogmatik am Fachbereich Systematische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg.
Alois Halbmayr wurde 1961 in Sankt Johann in Engstetten/NÖ geboren. Von 1979 bis 1988 studierte er Katholische Theologie an den Universitäten Salzburg und Tübingen. Im Schuldienst absolvierte er 1988/1989 das Referendariat. Von 1989 bis 1994 war er Studienleiter im Bildungshaus St. Virgil/Salzburg; 1994 wurde er Assistent an der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg. Nach der Promotion 1998 und der Habilitation 2007 wurde er 2008 zum außerordentlichen Universitätsprofessor ernannt. Von März bis Juni 2008 lehrte er als Gastprofessor an der Universität Wien. Von Februar bis März 2016 war er Visiting Scholar an der Southern Methodist University. Von 2017-2021 war er Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg.