"Dialoge am Stephansplatz" zu 6 Jahre Volksschule: Expertinnen und Experten begrüßen zwar spätere Selektion, sehen aber viele offene Fragen
Wien, 06.05.2026 (KAP) Eine Verlängerung der Volksschule auf sechs Jahre könnte nach Einschätzung von Bildungsexpertinnen und -experten die Chancengerechtigkeit erhöhen und Lernentwicklungen besser fördern. Zugleich komme es weniger auf die Struktur als auf die Qualität des Unterrichts an. Diese Positionen wurden bei der Veranstaltungsreihe "Dialoge am Stephansplatz" am Dienstag in Wien mit dem Titel "Welche Perspektiven hat eine sechsjährige Volksschule? Zukunftsfähige Bildungsvisionen zwischen Anspruch und Realität" diskutiert. Hintergrund ist die von Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) vorgeschlagene Verlängerung der Volksschulzeit von vier auf sechs Jahre.
Im Rahmen der Gesprächsreihe - einer Initiative mehrerer Bildungsinstitutionen, wie der KPH Wien/Niederösterreich, der Bildungsdirektion Wien und dem Kreisky-Forum - sprachen Rektor Horst Biedermann von der PH St. Gallen/CH, die Wiener Bildungsdirektorin Elisabeth Fuchs und die Rektorin der KPH Wien/Niederösterreich, Ulrike Greiner.
Der Schweizer Bildungsforscher Biedermann verwies laut Mitteilung der Veranstalter in seiner Keynote auf die Erfahrungen der Schweiz, wo die Primarstufe in der Regel sechs Jahre umfasst. Es gebe einen breiten wissenschaftlichen Konsens, dass eine längere gemeinsame Schulzeit "nicht nur eine höhere Chancengerechtigkeit, sondern auch Begabungsentfaltungen begünstigt". Entscheidend seien zudem durchlässige Übergänge zwischen Bildungswegen, wies der Bildungsforscher hin.
Zugleich relativierte Biedermann strukturelle Reformerwartungen: "Wirksamer Unterricht lässt sich nicht durch die Struktur eines Bildungssystems realisieren", betonte er. Entscheidend sei die Arbeit der Lehrpersonen, während Strukturen vorrangig Rahmenbedingungen für Bildungszugänge schaffen.
Spätere Selektion begrüßenswert
Die Rektorin der KPH Wien/Niederösterreich, Ulrike Greiner, hob die zentrale Rolle der Volksschule für die Bildungsbiografie und den "Grundstock an Bildung" hervor. Diese müsse grundlegende Kompetenzen, Lernfreude und Leistungsbereitschaft sichern. Sie plädierte für eine "kluge Reform" ohne unerwünschte Nebenwirkungen. Unterstützung für eine spätere schulische Selektion kam von Wiens Bildungsdirektorin Elisabeth Fuchs. Maßnahmen, die die Aufteilung der Kinder nach der vierten Schulstufe hinauszögern, seien "grundsätzlich zu begrüßen". Entscheidend sei jedoch das zugrunde liegende Konzept: "Die Chancengerechtigkeit muss dabei im Vordergrund stehen."
In der Diskussion wurde auch auf offene Fragen einer möglichen Umsetzung in Österreich verwiesen, etwa zur Ausbildung von Lehrkräften, zur inhaltlichen Gestaltung der Primarstufe sowie zu Übergangsmodellen in weiterführende Schulen. Zwar seien Reformen angesichts gesellschaftlicher Veränderungen notwendig, gleichzeitig müsse Österreich internationale Erfahrungen berücksichtigen, aber einen eigenen, breit abgestimmten Weg entwickeln.
Die "Dialoge am Stephansplatz" sind eine gemeinsame Initiative mehrerer Bildungsinstitutionen und verstehen sich als Forum für den Austausch über bildungspolitische Grundsatzfragen.